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Funktionsverlagerung durch Digitalisierung? (Wolff-Seeger/Saliger, ISR 2017, 235)

Die digitale Transformation von Unternehmen und Gesellschaft ist in vollem Gange - Additive Fertigungsverfahren wie 3D-Druck spielen eine wichtige Rolle für den Wandel zur Industrie 4.0. Die Einsatzbereiche des 3D-Druckverfahrens sind enorm: Neben Produkten aus Kunststoffen oder Metallen können heute bereits Lebensmittel oder menschliche Organe wie Haut hergestellt werden.

Darüber hinaus wird diese innovative Technologie die Konstruktion völlig neuartiger Produkte erlauben. Von größerer Bedeutung werden jedoch die Veränderungen in den Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodellen sein, wie z.B. durch die Möglichkeit der vollständig digitalen Entwicklung und Herstellung von Produkten sowie des digitalen Handels mit den dazugehörigen Bauplänen.

Änderungen in Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodellen können aus deutscher Sicht unter den Voraussetzungen des § 1 Abs. 3 Satz 9 ff. AStG den Tatbestand der Funktionsverlagerung erfüllen. Anhand eines Echtfalls fassen die Autoren die steuerlichen Folgen einer „klassischen“ Funktionsverlagerung in Form einer Zentralisierung des Ersatzteillagers zusammen. Nach einem Überblick über die 3D-Drucktechnolgie als Beispiel für Digitalisierung wird untersucht, inwieweit auch in einer zunehmend digitalisierten Welt im Fall der Zentralisierung der Ersatzteilfunktionen nach Umstellung auf das 3D-Druckverfahren eine Funktionsverlagerung vorliegen kann und welche weiteren eventuellen steuerlichen Folgen sich hieraus ergeben können.

Inhaltsverzeichnis:

  1. Die Grundstruktur der Funktionsverlagerung an einem Beispielsfall
    1. Ein Beispielsfall aus dem Bereich der Automobilzulieferung
    2. Grundsätze zur Funktionsverlagerung
  2. Eine "klassische" Funktionsverlagerung durch Zentralisierung des Ersatzteillagers
    1. Die Verlagerung der Produktion
    2. Auswirkungen auf das Lager und den Vertrieb
    3. Zusammenfassung
  3. 3D-Drucken als Beispiel für Digitalisierung
    1. 3D-Drucktechnologie oder "Additive Fertigungsverfahren"
    2. Auswirkungen auf Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle
    3. Potential für Rückverlagerung?
  4. Funktionsverlagerung durch Digitalisierung?
    1. Auswirkungen für den Bereich Produktion
    2. Lager/Vertrieb
    3. Zusammenfassung
  5. Weitere steuerliche Fragestellungen
    1. OECD-Abschlussbericht zu Maßnahme 1 des BEPS-Aktionsplans
    2. Verrechnungspreise
    3. Betriebsstätten
    4. Qualifikation der Leistung und Quellensteuer
  6. Fazit


I. Die Grundstruktur der Funktionsverlagerung an einem Beispielsfall

1. Ein Beispielsfall aus dem Bereich der Automobilzulieferung
Die E-Gruppe ist im Bereich der Automobilzulieferindustrie tätig. Die Gruppengesellschaft P-GmbH ist für die weltweite Produktion von Ersatzteilen zuständig und liefert diese u.a. an das in demselben Land ansässige verbundene Unternehmen V-GmbH. Die P-GmbH ist eigenverantwortlich tätig und zahlt an die in einem anderen Land ansässige E-AG für die Nutzung von in deren Eigentum stehenden Patenten und Marken eine (angemessene) Lizenz. Die V-GmbH wiederum vertreibt die Ersatzteile auf dem lokalen Markt, woraus ihr eine (angemessene) EBT-Marge verbleibt.

Gegenüber ihren OEM-Kunden hat sich die E-Gruppe verpflichtet, Ersatzteile innerhalb von 48 Stunden an die OEM-Vertragswerkstätten (fremde Dritte) zu liefern. Dies gilt auch für einen Zeitraum über 15 Jahre nach Beendigung der Serienproduktion eines Modells. Aus diesem Grund hält die V-GmbH ein umfangreiches Ersatzteillager vor.

2. Grundsätze zur Funktionsverlagerung
Gemäß § 1 Abs. 1 Satz 1 FVerlV ist eine Funktion eine Geschäftstätigkeit, die aus einer Zusammenfassung gleichartiger betrieblicher Aufgaben besteht, die (...)

Verlag Dr. Otto Schmidt vom 28.07.2017 11:24
Quelle: Verlag Dr.Otto Schmidt

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